QBAK2010 Tag 18 - Der Regenschirm

Erstmal vielen Dank an Dich, Q, dass ich diesen Gastbeitrag bei Dir schreiben darf. Immerhin hat mich Deine Seite unter anderem erst dazu angeregt selber einen Blog einzurichten - www.beuteltiere.org. Und da freue ich mich natürlich auch was zu Deinem Adventskalender beizutragen (Anm. d. Red.: Oh, ich danke dir, Basti :D).


Um was geht es eigentlich?
Bisher wurden hier im Adventskalender ja schon viele Themen angesprochen. Oft waren es Möglichkeiten sein Ausrüstungsgewicht zu reduzieren indem man einfach auf leichtere Varianten zurückgriff. Manchmal gab es aber auch mehr oder weniger unkonventionelle oder gar kuriose Lösungen.

Der Beitrag der sich hinter diesem Türchen verbirgt, fällt auf den ersten Blick wohl eher in die zweite Kategorie. Und das obwohl dieses Ausrüstungsteil bereits im Jahr 802 schriftlich erwähnt wurde!

Um ehrlich zu sein spart dieses Ausrüstungsteil auf den ersten Blick auch kein Gewicht ein. Für das Extragewicht das man aber dabei mit sich führt, erhält man einen multifunktionalen und treuen Begleiter, der nicht nur merklich zum Komfort unterwegs beiträgt, sondern einen nicht im Regen stehen lässt, wenn’s drauf ankommt.


Die Rede ist hier natürlich vom Schirm!
„Ein Schirm??? Das sind doch diese unhandlichen, windanfälligen Dinger, die manche alten Leute in der Stadt beim leichtesten Anzeichen von Regen aus der Tasche zaubern, nur um festzustellen, dass wieder eine Speiche gebrochen ist!?“ Ja und nein. Anfangs hab ich auch so gedacht. Immerhin hat man ja eine teure Funktionsjacke die einen selbst bei Sturm und Hagel nicht im Stich lässt.
Was soll also dieses ganze Gerede?


Bereits Ray Jardine, der das Ultraleichttrekking populär gemacht hat, hat als Wetterschutz auf einen Schirm gesetzt. Seine Begründung dafür ist eigentlich ganz einfach. Ein Schirm liefert Wetterschutz bei maximaler Belüftung!

Wer schon mal im Sommer, bei strömenden Regen, eingehüllt in seine Funktionsbekleidung einen Berg hoch gestiefelt ist, der wird bezeugen können, dass selbst das fortschrittlichste Gewebe dem nicht gewachsen ist. Zwar hält die Jacke dicht, aber auch der Schweiß und die heiße Luft kann nur unzureichend entweichen.
Anders bei einem Schirm. Gerade bei schwülem Wetter oder bei größerer, körperlicher Aktivität hat hier ein Schirm die Nase vorn. Dabei schützt der Schirm aber nicht nur den Wanderer an sich, sondern deckt auch einen Großteil des Rucksacks ab.
Des Weiteren ist man nicht auf eine Kapuze angewiesen, die Sicht und Gehör einschränkt. Will man im Regen ein paar Fotos schießen, wird auch die Kamera vom Schirm trocken gehalten. Nie mehr Tropfen auf der Linse!

Doch es gibt noch weitere Vorteile. Wer in Gebieten mit schnell wechselndem Wetter unterwegs ist, ist nicht gezwungen alle paar hundert Meter anzuhalten, um den Rucksack abzusetzen und die Regenjacke an oder aus zu ziehen. Einfach den Schirm auf- oder zuklappen.




Aber Schirm ist nicht gleich Schirm.
Richtig! Für unsere Zwecke sollte ein Schirm natürlich einerseits leicht sein. Andererseits aber auch nicht so „handlich“ konstruiert, dass er beim leichtesten Windhauch die Biege macht. Taschenschirme, Knirpse, Piccolos etc. fallen damit schon mal raus. Die vielen Gelenke und der Teleskopschieber sind für den harten Outdooralltag zu anfällig.
Ray Jardine hat der Einfachheit halber auf einen normalen Stockschirm zurückgegriffen und diesen nach seinen Bedürfnissen modifiziert. Eine Bauanleitung für den begeisterten Bastler und MYOG-Jünger findet sich dazu in seinen Büchern.

Glücklicherweise gibt es aber auch sogenannte „Trekkingschirme“ die nach denselben Kriterien konstruiert sind. Hier heißt es Reduzierung auf das Wesentliche. Die Aufstellmechanik wurde auf einen simplen Schieber reduziert, der das geöffnete Schirmdach nicht durch zusätzliche Federn in Position hält, sondern allein durch die Eigenspannung des geöffneten Dachs. Da hier sonst 25% aller Schäden bei Schirmen auftreten trägt dies deutlich zu einer längeren Lebensdauer bei. Den Rest besorgen moderne Materialien wie etwa Glasfasergestänge und Teflonbeschichteter Stoff.
Einen solchen Schirm bietet unter anderem die Firma Euroschirm aus Ulm unter dem Namen Swing Liteflex. Das gute Stück wiegt dabei rund 210 Gramm. Und wie ich schon des Öfteren feststellen durfte, ist dieser durchaus als windstabil zu bezeichnen.


Alles eine Frage der Technik
Damit der Schirm einem aber nicht aus der Hand geblasen wird heißt es natürlich auch hier „Alles eine Frage der Technik“. Es macht wenig Sinn, wenn man bei Wind und Regen den Schirm fröhlich weiter wagerecht über seinem Haupt spazieren trägt. Da wundert es nicht, wenn man von der Seite her klitschnass wird. Stattdessen sollte man ihn so halten wie die alten Ritter. Seinen Schild bzw. Schirm immer in Richtung des Angreifers, äh, ich meine natürlich in Windrichtung (und damit in Richtung des heranwehenden Regens) drehen. So kann es auch mal passieren, dass man den Schirm fast komplett vor sich her trägt. Mich hat mein treuer Begleiter so selbst auf den Hebriden bei starkem Wind und eiskaltem Regen trocken gehalten. Da reicht dann als Oberbekleidung trotz Sauwetter auch mal nur ein Windshirt...


Doch so ein Schirm schützt nicht nur bei allen Arten von Niederschlag. Die Historiker unter uns wissen natürlich, dass Schirme vor der Verwendung als Regendach im Mittelalter schon früher bei den alten Ägyptern und Chinesen als Schutz vor der Sonne verwendet wurden. Warum also unseren Regenschirm nicht auch heute dafür zur Hilfe nehmen? Gerade bei Touren in südlichen Gefilden oder gar bei einem Trip durch die Wüste wird man dieses Dach zu schätzen wissen.

Auch unter einem simplen Schirm ist es merklich kühler und so liefert dieses Ausrüstungsteil in manchen Gegenden den einzigen schattigen Platz für eine Siesta. Wer seinen Schirm aber noch mit einem zusätzlichen UV-Schutz versehen will, spannt einfach noch die silberne Folie einer Rettungsdecke über den aufgespannten Schirm. Zurechtschneiden und an den Spitzen mit kleinen Gummis sichern. Fertig!
Oder man greift gleich zu einem Schirm mit einer entsprechenden Hitze reflektierenden Beschichtung. Auch das Erfolgsmodell Swing Liteflex ist mit so einem zusätzlichen UV-Schutz erhältlich. Auch wenn ein unwissender Beobachter vielleicht vermuten würde, dass man versucht sich mit dieser silbernen Kuppel gegen störende Signale aus dem All abzuschirmen...



Mehrfachnutzen
Doch zurück zum Thema. Der Einsatz eines Schirms ist nicht nur auf den Schutz des Trägers beschränkt. Auch beim Kochen kann der treue Begleiter als zusätzlicher Windschutz zur Hilfe herangezogen werden. Und Abends verwandelt er sich im Handumdrehen zu einer Tür für die zünftige Ultraleichtbehausung.


Apropos „Abends“. Wer sich nachts schon mal im Regen aus seinem Zelt begeben musste um den nächsten Baum aufzusuchen, wird sich in Zukunft über einen Schirm freuen. Einerseits entfällt das lästige Anziehen der Jacke, das in den beengten Bedingungen eines Zeltes dann meist eh nicht sooo schnell von statten geht wie man es gerade dann bräuchte. Auch vor evtl. Blicken anderer Camper kann man sich hier geschickt verbergen...



Wer darauf verzichten kann, kann den Schirm aber auch als zusätzliche Tarpstange nutzen.
Bei all diesen Vorzügen, sollte man aber immer daran denken, dass es auch Situationen gibt in denen auch ein Schirm überfordert ist. Bei 90% aller Wetterbedingungen funktioniert er und erfüllt seinen Dienst perfekt. Damit ist er quasi die Softshell des UL-Wanderes. Denn genau wie bei diesen, gibt es Situationen in denen man auf den Schutz einer zuverlässigen Jacke angewiesen ist. Da man aber auf diese nur in den seltensten Fällen zurückgreifen braucht, reicht hier schon ein wirklich ultraleichtes Teil. Damit relativiert sich auch das Mehrgewicht des Schirms etwas.


Also, Schirm Schirm Marsch Marsch...
Wer mehr über das Wandern mit Schirm und anderen Dingen lesen möchte, der sollte auch mal einen Blick in meinen Blog werfen. Für mich jedenfalls zählt ein Schirm schon seit längerem zu den Ausrüstungsteilen auf die ich unterwegs nicht verzichten möchte. Und wie sieht’s bei Euch aus?


Anm. d. Red.: Bei mir schauts so aus :D

Kommentare:

Basti hat gesagt…

Sehr schöner Artikel, Q.
Echt gut geschrieben!
;-)

Hat mir viel Freude gemacht auch mal als Gastautor zu arbeiten.
Aber jetzt freue mich erstmal auf die nächsten Türchen und wünsche Dir schonmal ein paar ruhige Feiertage!

Vile Grüße aus dem Rheinland in den "hohen Norden",

Basti

quasinitro hat gesagt…

Basti,DU BIST SCHULD!!! ;- )

Jetzt fällt es mir noch schwerer,auf die erste Frühlingstour mit meinem Silberling zu warten...

Danke für diesen elementaren Artikel!

Grüße vom Nitro

Marcel | ausgeruestet.com hat gesagt…

Am Schirm kommt einfach niemand vorbei! Gibt doch unendlich viele Einsatzmöglichkeiten...

Bei mir schaut es übrigens so aus: Roter Schirm im Regen

Q Bloggt hat gesagt…

Moin Basti.
Auch dir vielen Dank für den Beitrag - wenn es um Schirme geht, kann es eben nur Einen geben :D

Anonym hat gesagt…

Vielen Dank für den guten Beitrag. Der Schirm hat einfach die Nase vor, m.E. vor allem wegen der "Belüftung".

Gruss, Lukas

The Little Death hat gesagt…

Ob es mit einem Schirm von Rossmann auch geht?

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